Jagd
Die Jagd „Wenn Sie die ärgerliche Gegenwart satt haben, wenn Sie es müde sind, „ganz 20. Jahrhundert zu sein", dann nehmen Sie Ihre Flinte, pfeifen Ihrem Hund und geben sich einfach für ein paar Stunden dem Vergnügen hin ...“, schreibt der spanische Philosoph José Ortega y Gasset in seinen Meditationen über die Jagd aus dem Jahr 1942. So archaisch wie die Jagd ist kaum ein menschliches Tun. Der Mensch jagt seit Jahrtausenden - zunächst aus schierer Notwendigkeit zu überleben. Ackerbau und Viehzucht wurden erst später
entwickelt und kultiviert. Der uralte Impuls zu jagen lebt fort; er ist aber vielen Menschen in der fast gefahrlosen, durchrationalisierten Alltagswelt fremd geworden und bricht sich auf anderen Wegen Bahn: im Konkurrenzkampf, im exzessiven Leistungssport, im Rausch der Bilder des virtuellen Raums. Doch all das ist ein oberflächlicher, ein fast entfremdeter Ersatz. Die Jagd ist demgegenüber reales, echtes Erleben. Sie ist der Schritt aus der modernen in die archaische Welt. Mit der Jagd streift der Mensch ein Teil von dem ab, was
ihn dem Tier überlegen macht: sein Wissen, sein planendes Kalkül. Er wird wieder Teil, ist aber nicht länger Herr der Natur. Nur wenn der Mensch sich derart beschränkt, macht die Jagd auch in der Moderne Sinn. Es geht nicht um die - ohnehin illusorische - Gleichstellung des Tieres mit dem Menschen, sehr wohl aber um eine Bändigung des Menschen. Er gibt seine zivilisatorische Übermacht auf und lässt sich mit dem Tier auf einen Wettkampf ein. Wer jagt, achtet dieses Gleichgewicht. Dort wo es gestört ist, endet die Jagd, jedenfalls in ihrer legitimen Form.
Shooting rediscovered.